Als Unternehmer hat Guido Fluri wirtschaftlichen Erfolg erzielt. Mit seiner Stiftung setzt er sich dafür ein, dass Kinder besser geschützt werden, Angehörige von Menschen mit Schizophrenie Unterstützung erhalten und Betroffene von Unrecht Gerechtigkeit erfahren. Im Interview spricht er über prägende Kindheitserfahrungen, die Internet-Initiative und darüber, weshalb gesellschaftliches Engagement für ihn eine Frage der Verantwortung ist.

Was hat Sie dazu bewegt, die Guido Fluri Stiftung zu gründen?
Guido Fluri: Ich bin ohne Vater und mit bescheidenen finanziellen Verhältnissen aufgewachsen. Wegen der Schizophrenie-Erkrankung meiner Mutter war ich zeitweise fremdplatziert – eine prägende und schwierige Phase meines Lebens. Damals hätte ich mir Menschen gewünscht, die sich um mich kümmern. Mit meiner Stiftung möchte ich heute genau das für andere tun. Weil ich heute die finanziellen Möglichkeiten dazu habe, gebe ich einen Teil meines Erfolgs an die Gesellschaft zurück. Das verstehe ich nicht als Grosszügigkeit, sondern als meine Verantwortung.
Inwiefern haben Ihre eigenen Lebenserfahrungen die Schwerpunkte der Stiftung geprägt?
Meine Erfahrungen als Kind, die Erkrankung meiner Mutter und eine lebensbedrohliche Operation waren prägend für mich als Person und für die Art und Weise, wie ich heute die Welt sehe. Diese Lebenserfahrungen wurden so auch zu Schwerpunkten meiner Stiftungsarbeit.
Welche Werte stehen im Zentrum Ihrer Stiftungsarbeit?
Als gläubiger Christ hat mich sicherlich der Wert der Nächstenliebe geprägt. Menschen Beistand zu leisten, für sie da zu sein und zu helfen, treibt mich an.
Welche Ziele verfolgt die Stiftung heute?
Unser Engagement gilt Kindern, die ohne Gewalt aufwachsen sollen, Menschen mit Schizophrenie, die selbstverständlich am gesellschaftlichen Leben teilhaben können sollen, und Patientinnen und Patienten mit einem seltenen Hirntumor, denen wir die bestmöglichen Heilungschancen ermöglichen möchten.
Die Stiftung konzentriert sich also auf die Themen Kinderschutz, Schizophrenie und Hirntumore. Braucht es hier überhaupt noch ein Engagement aus der Zivilgesellschaft?
Nebst der persönlichen Betroffenheit gibt es in allen drei Förderbereichen einen konkreten Bedarf an Projekten, die nahe bei den Menschen sind und bestehende Lücken schliessen. Nehmen Sie das Thema Schizophrenie: Obwohl zahlreiche Familien betroffen sind und der Leidensdruck enorm ist, erhält die Krankheit vergleichsweise wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Mit unserem Peer-to-Peer-Projekt schaffen wir ein niederschwelliges Unterstützungsangebot, das auf grosse Nachfrage stösst. Es zeigt, dass wir dort einen echten Unterschied machen können. Genau das ist unser Anspruch: Wir engagieren uns dort, wo der Bedarf am grössten ist und unsere Unterstützung einen spürbaren Mehrwert schafft
Die Stiftung engagiert sich stark gegen Gewalt an Kindern. Wo sehen Sie aktuell die grössten Herausforderungen?
Eine der grössten Gefahren für Kinder sehe ich heute im digitalen Raum. Dort sind sie oft schutzlos mit Gewalt, Missbrauch und anderen illegalen Inhalten konfrontiert. Die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz verschärft die Problematik zusätzlich: Mit wenigen Klicks lassen sich täuschend echte sexualisierte Darstellungen von Kindern erstellen oder verbreiten. Gleichzeitig nehmen die grossen Techkonzerne ihre Verantwortung aus meiner Sicht noch immer ungenügend wahr. Deshalb haben wir kürzlich die Internet-Initiative lanciert. Sie verlangt, dass digitale Plattformen eine deutlich höhere Sorgfaltspflicht übernehmen.
Vor der Internet-Initiative waren Sie mit der Wiedergutmachungsinitiative für Verdingkinder erfolgreich. Was hat Sie dabei besonders bewegt?
Am meisten bewegt mich die Veränderung, die wir gemeinsam angestossen haben. Jahrzehntelang konnten Tausende Betroffene nicht mit ihren Angehörigen über das sprechen, was ihnen widerfahren war – weil die Erlebnisse zu traumatisch waren oder weil sie befürchteten, man würde ihnen nicht glauben. Dank der Initiative und dem Mut vieler Betroffener haben sie ihre Stimme wiedergefunden. Sie traten an die Öffentlichkeit und sagten: Ich war ein Verdingkind – und ich verdiene Gerechtigkeit. Im Juni kamen 800 dieser Menschen zu unserem traditionellen Sommerfest in Langenthal. Ich sage ihnen dort immer: Nicht wir haben das geschafft, sondern ihr. Ihr habt den Mut aufgebracht, eure Geschichte zu erzählen. Ihr habt dafür gesorgt, dass dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte endlich aufgearbeitet wurde.
Welche Fortschritte konnten dank dieses Engagements erzielt werden?
Der Solidaritätsbeitrag war ein wichtiges Zeichen der Anerkennung und Wiedergutmachung durch den Staat. Ebenso bedeutend war jedoch die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Unrechts. Heute sind die Schicksale der Verdingkinder Teil des Geschichtsunterrichts, und zahlreiche Gymnasiastinnen, Gymnasiasten sowie Studierende setzen sich in ihren Arbeiten mit diesem Kapitel der Schweizer Geschichte auseinander. Das zeigt: Das Schweigen ist gebrochen, die Erinnerung bleibt. Und genau deshalb bin ich zuversichtlich, dass sich dieses dunkle Kapitel nicht wiederholen wird.
Welches aktuelle Projekt der Stiftung liegt Ihnen besonders am Herzen?
Mir sind alle unsere Projekte gleich wichtig – jedes fordert mich auf seine Weise. Im Moment steht die Internet-Initiative im Vordergrund: Bis Ende Jahr wollen wir die 100’000 Unterschriften zusammenbringen. Dafür bin ich häufig im Bundeshaus unterwegs und führe viele Gespräche. Gleichzeitig engagieren wir uns mit unserer Justice Initiative auch international. Vor wenigen Tagen war ich im französischen Senat in Paris. Dort konnten wir mithelfen, dass die sogenannten «Kinder der Creuse» – als Kinder zwangsweise umgesiedelte Menschen – eine Wiedergutmachung nach Schweizer Vorbild erhalten. Für dieses Engagement wurde ich von einer Senatorin mit einer Ehrenmedaille ausgezeichnet. Diese Anerkennung hat mich sehr berührt.
Welche Bedeutung hat die europäische Justice Initiative für den Kinderschutz?
Nach der Wiedergutmachungsinitiative haben zahlreiche Opferorganisationen aus ganz Europa den Kontakt zu uns gesucht. Denn fast jedes Land hat seine eigene Geschichte von Missbrauch und staatlichem Unrecht gegenüber Kindern. Die Schweizer Aufarbeitung gilt heute vielerorts als Vorbild. In mehreren Ländern laufen politische Bestrebungen, dieses Unrecht anzuerkennen und aufzuarbeiten. Die sogenannten «Kinder der Creuse» sind ein erstes Beispiel dafür, dass dieser Weg erfolgreich sein kann. Doch unsere Arbeit ist damit nicht abgeschlossen. Wir setzen uns weiterhin dafür ein, dass auch Betroffene in anderen Ländern Anerkennung erfahren und ein Stück Gerechtigkeit erhalten.
Welche Ziele möchten Sie mit der Stiftung in den nächsten fünf Jahren erreichen?
Wir setzen uns weiterhin für Betroffene von Missbrauch, für Hirntumor-Patienten und für Angehörige von Menschen mit Schizophrenie ein. Und wir wollen den Kindesschutz in die Moderne führen, indem wir mit der Internet-Initiative die Kinder besser vor Missbrauch und Gewalt schützen. Unsere Arbeit ist noch lange nicht beendet.
Interview: Corinne Remund
Zur Person
Guido Fluri ist Unternehmer, Investor und Stifter. Er wuchs zeitweise in einem Kinderheim auf und setzt sich heute für benachteiligte Kinder und Jugendliche ein. Als Unternehmer ist er im Immobilienbereich tätig, daneben engagiert er sich seit vielen Jahren philanthropisch.
Mit der Guido Fluri Stiftung realisiert er Projekte in den Bereichen Kinderschutz, Hirntumore und Schizophrenie. Nationale Bekanntheit erlangte er durch die Wiedergutmachungsinitiative für ehemalige Verdingkinder und andere Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen.
Für sein gesellschaftliches Engagement wurde der 60‑Jährige mehrfach ausgezeichnet. Er lebt in der Schweiz und setzt sich national wie international für die Rechte von Kindern und sozial benachteiligten Menschen ein.



